Neues aus dem Workshop von Albert & Müller? Da darf man durchaus gespannt sein. Die hessischen Gitarrenbauer sind in den letzten Jahren nicht zuletzt durch ihre zweimalige Auszeichnung mit dem "Deutschen Musikinstrumentenpreis " einem breiteren Publikum bekannt geworden.
Die flexible kleine Firma bietet eine ganze Reihe standardisierter Modelle verschiedenster, immer von Hand gebauter Saiteninstrumente an, zeigt aber auch ein jederzeit offenes Ohr für die Wünsche der Kundschaft. Auf den bereits erworbenen Lorbeeren will man sich in Aarbergen im Taunus aber keineswegs ausruhen, und so sucht man trotz guter Kundenakzeptanz der eingeführten Modelle stets nach neuen Wegen der instrumentalen Klangschöpfung. Bei dem vorliegenden Testobjekt handelt es sich um einen Prototypen mit dem Arbeitsnamen S 5.2, der sich allerdings durchaus noch ändern könnte.
Konstruktion
Tonhölzer sind eine Glaubensfrage? Nein, gewiss nicht, aber die Bedeutung der Korpushölzer wird gelegentlich überschätzt. Der Ton wird nach wie vor maßgeblich in der Decke geformt, die im Englischen deshalb auch zu Recht "Soundboard" genannt wird, da ihre Ausarbeitung für die Klangqualität verantwortlich ist. Bei Boden und Zargen handelt es sich hingegen um die Reflektoren für den von der schwingenden Deckenmembran erzeugten Sound. Sie geben durch ihre Qualität und das von ihnen gebildete Korpusvolumen dem Ton schon noch einiges bei, aber das Herz einer akustischen Gitarre ist und bleibt die Decke. Es ist also durchaus möglich, auf Tropenhölzer für den Korpus zu verzichten, ohne einen klanglichen Verlust in Kauf nehmen zu müssen. Gut, den Allgemeinplatz möge man mir vezeihen, aber manch einer glaubt noch immer, sich mit einem im selbstredend optisch wunderschöne RioPalisander auch große klangliche Vorzüge einzuhandeln das uss nicht zwingend so sein, und dass auch ohne erfolgreich gearbeitet werden kann, zeigen nicht zuletzt einige historisch bedeutende Konstruktionen wie etwa die Weißgerher Konzertgitarren oder Gibsons berühmte J 200. Langer Rede kurzer Sinn: Die S 5.2 von Albert & Müller wurde i Anlehnung an das Modell S 5 mit den entsprechenden Verzierungen aus europäischer Fichte für die Decke und prächtig geriegeltem Ahorn für den Boden und die Zargen gefertigt. Grundsätzlich könnte man von einer offenen Formgebung sprechen, die nicht einfach überkommene Bauprinzipien nachvollzieht, sondern sich der Vorzüge bewährter Detaillösungen sowohl aus dem Steelstringals auch dem KonzertgitarrenBau bedient. Ein Instrument also, das aus beiden Welten etwas zu bieten hat maserte Fichte weist eine relativ dünn gehaltene Deckenstärke auf und wird von einem XBracing getragen, der heute üblichen Unterbauung bei StahlsaitenGitarren. Allerdings wurde der hintere Bereich mit einer Fächerbeleistung stabilisiert, die man wiederum von Konzertgitarren kennt. Das Innenleben zeigt ansonsten saubere Arbeit und eine fein beschliffene, relativ kräftige Bebalkung. Von guter Qualität ist auch das SwiteniaHolz des Halses mit weich ausgerundetem DProfil und einer leichten Kehle unterhalb des Sattels aus poliertem Knochen, die diese gefährdete Stelle vor Kopfbruch schützen soll. Der Halsstock und der obere Teil der palisanderfurnierten Kopfplatte sind angesetzt. Neben dem Firmenlogo aus farbigem Abalone ziert die Kopfplatte ein Satz hoch. Neben dem auffallend gleichmäßig gezeichneten Ahorn, das für den Boden "bookmatched" über eine Zierfuge aus Palisander aufgeschlagen wurde und an den Zargenrändern ebenfalls von unterlegten PalisanderBindings eingeschlossen ist, fällt zunächst der Fädelsteg aus einem kräftigen Stück Palisander ins Auge. Da die Saiten nicht mit Pins festgesteckt werden müssen, entfallen die Bohrungen durch die Decke und das innenseitige Hartholzfutter. Steelstringer kennen diese Stegform z.B. von den irischen LowdenGitarren, ansonsten aber lässt sie sich eher als Standard bei den Konzertgitarren wiederfinden. In der Tat stand für diesen Teil der Deckenkonstruktion bei des Modells S 5.2 die Konzertgitarre Pate, und das wird auch klanglich zu Buche schlagen. Die sehr fein und parallel gepräziser vergoldeter Schallermechaniken mit Flügeln aus einer ElfenbeinNachbildung. In Anlehnung an die Konzertgitarre könnte man auch das kräftige, mit geringem Radius gestaltete Griffbrett aus pechschwarzem Ebenholz durchgehen lassen, das, schwungvoll bis ins Schallloch hineingezogen, 22 Bünde bietet und so den Tonumfang bis zum hohen D hin öffnet. Dots an den üblichen Stellen im Fretboard" und auf der Sichtkante aus fein schillerndem Abalone erleichtern die Navigation auf dem Griffbrett. Eine satte HochglanzLackierung versiegelt rundum die Oberflächen und gibt dem getigerten Ahorn eine nach Lichteinfall changierende Tiefenwirkung. Das Instrument fällt im Übrigen durch eine angenehme Leichtigkeit auf
Klang und Spieleigenschaften
Nimmt man die Gitarre in dieHand, so denkt man zunächst: Oh wie nett, mehr muss also eine Steelstring nicht wiegen. Diese Leichtigkeit weist die S 5.2 dann erfreulicherweise auch in der grundsätzlichen Tongestalt auf. Der eher schlanke und flache Hals gibt sich überdies dem Spieler spontan und willenlos hin, lädt ohne alle Widerstände ein zu lustvollem Spiel so mögen wirdas. Wie bitte? Nur wer redlichstrebt im Schweiße seines Angesichts .... erkämpfte Freud ist doppelte Freud ... na ja, solange das keine Freudsche Fehlleistung ergibt, soll's schon recht sein, aber nicht immer braucht es die Qual zur Läuterung. Gelegentlich wollen wir auch mal Freude pur und schon sind wir wieder bei der S 5.2. Leicht und schnell springen die Töne nach dem Anschlag aus dem Schallloch, perkussive Spielweisen werden mit überaus lebendiger Reaktion belohnt. Die darüber hinaus sehr plastische Trennung der Einzelnoten auch in kaskadierenden Linien empfiehlt das Instrument dem melodieorientierten Solisten. In der Akkordstruktur zeigen sich ebenfalls schönste Transparenz und ein farbiges Obertontreiben, vielleicht etwas auf Kosten der warmen mittleren Frequenzen. Alles kann man eben doch nicht haben, und es ist einfach nicht möglich, in einem Instrument alle klanglichen Eigenschaften zu vereinen. Der Bass zeigt eine straffe Kontur und ein beachtliches Sustain, der Diskant erfreut mit kräftig festem Ton. Eine flache Saitenlage neigt auf der g und hSaite etwas zu Nebengeräuschen, auch durch den (zu) leichten aufgezogenen Saitensatz begründet. Der Hals wird bei Albert & Müller zwar immer auf den Kunden abgestimmt, aber dieser trifft so etwas wie eine optimale Mitte. So leicht wie das Instrument sich von Anfang an darstellt, ist es auch zu spielen. Das flache Griffbrett erlaubt die vielfältige Darstellung spieltechnischer Facetten, die in Artikulation und tonaler Modulation von der hohen Präzision der klanglichen Umsetzung unterstützt wird. Von der donnernden Fülle einer Dreadnought allerdings ist die S 5.2 relativ weit entfernt, dafür zeigt sie jedoch klangliche Stärken von hoher Delikatesse und mit spontanem Reflex, die bei manchem solistischen Spieler für glänzende Augen sorgen könnten.
Fazit
Die S 5.2 von Albert & Müller zeigt das Gespür der hessischen Gitarrenbauer für zeitgerechte Konstruktionen. Neben aller verdienter Tradition gilt es doch, den Blick nach vorn zu richten und dem heutigen Musiker adäquates Handwerkszeug zu liefern. Eine feine Decke von geringer Wandstärke mit origineller Unterbauung und Fädelsteg auf einem Ahornkorpus wandelt den konstruktiven Ideenmix in reife, überaus lebendige Klänge. Mit leichtem Fuß verlassen gut konturierte Melodielinien und trennscharfe Akkorde das Schallloch. Die hohe Transparenz und die perkussive Lebhaftigkeit gefallen ohne Einschränkung, obwohl dafür naturgemäß auf einen Teil der warmen Mitten verzichtet werden muss. Eindeutig aber gehört die S 5.2 ins Oberhaus der rnodernen Gitarre und könnte manchen Spieler mitten ins Herz treffen. Neben der allgemein souveränen Verarbeitung gibt es somit Pluspunkte für die gelungene luftige Konstruktion. Feine Arbeit!