HAUTE COUTURE
ALBERT & MÜLLER S 5

Mitte der 80er Jahre gründeten zwei junge Instrumentenbauer, die sich an der Berufsfachschule in Wiesbaden kennengelernt hatten, nach absolvierter Meisterprüfung eine gemeinsame Werkstatt, um alternative Gitarren zum seinerzeit noch amerikanisch beherrschten Markt zu entwickeln. Kein leichtes Unterfangen in einer Zeit, da sich der deutsche Gitarrenbau in der Krise befand und die Nachfrage nach heimischen Steelstrings noch von Zurückhaltung und Skepsis geprägt war.

Eine derart schwierige Situation galt es, mit Orginalität und Qualität zu meistern, mit Instrumenten also, die nicht auf die vorherrschenden und viel kopierten Dreadnought- oder Jumboformen setzten, sondern auf ein eigenständiges Design. Die Rechnung ging auf, und heute zählen die hessischen Gitarrenbauer mit Recht zu den besten ihres Faches, genießen internationale Reputation und konnten im letzten Jahr den "Deutschen Musikinstrumentenpreis 1996" mit ihrem Modell S 1 (siehe auch Testbericht in AKUSTIK GITARRE) für sich verbuchen. Das zum Test vorliegende Modell S 5 ist mit einigen “Specials” ausgestattet und bewegt sich damit im oberen Preissegment der Angebotspalette, die schon ab gut 2.000,-- DM profunde Qualität für schlichte, aber individuell in Handarbeit hergestellte Instrumente bereithält.

Konstruktion

Die Form und Ausstattung der A & M S 5 erinnert in verschiedener Hinsicht an die Konstruktion einer Konzertgitarre. Die Korpusdimensionen sind im Vergleich allerdings schon etwas größer und von einer stärkeren Taille geprägt, was dem Instrument ein optisch sehr geglücktes Erscheinungsbild gibt. Der Schlanke, durchbrochene Kopf mit seinen zwei leicht konisch geschnittenen Fensteröffnungen und ein Ebenholzgriffbrett ergänzen diesen Eindruck. Massives Vogelaugenahorn von exquisiter Zeichnung und Güte wurde für die Zargen und den “bookmatched” (d.h. aus einem Stück gesägten und spiegelbildlich zusammengefügten), leicht gewölbten Boden verarbeitet. Die Bodenfuge und die ebenfalls aus “birdseye maple” gefertigten Bindings sind mit einem hauchdünnen dunklen Holzstreifen abgesetzt. Fein gemaserte, also langsam gewachsene, europäische Fichte wurde der S 5 als schlagendes Herz eingesetzt, ist doch die Decke bekanntermaßen ein wichtiges “Organ” für die Tonformung und Tragfähigkeit einer Gitarre. Gestützt wird sie von einem X-Bracing (Beleistungssystem), und der Blick in das Schalloch zeit präzise, saubere Verarbeitung sowie den Zugang zum Halsstab, der durch eine Nut in der vorderen Querleiste erreichbar ist. Ziereinlagen aus farbig schillerndem Abalone schließen die Deckenränder ab und krönen mit einem doppelten Ring um das Schalloch das Design der Decke. Aus (Switenia-) Mahagoni, einem langfaserigen, schoen gleichmäßig und eng gezeichneten Holz, ist der im D-Profil angenehm flach verrundete Hals geformt, der unterhalb des Sattels eine leichte Verstärkung dieser bruchgefährdeten Stelle aufweist, um sich dann fließend in den abgewinkelten Kopf zu verlängern. Das Griffbrett aus feinstem Ebenholz ist auf der Diskantseite um eine schwungvolle "Nase" bis über das Schalloch erweitert und bringt es mit 22 Bünden somit bis zum hohen D. Eine aufwendig gearbeitete Ranke aus Bein und Abalone ist ein aufpreistreibendes "Special" dieser Version der S 5, Standard hingegen sind die eingelegten Dots aus Abalone auf der Sichtkante des Griffbretts. Die schlanken Bünde sind vorbildlich verarbeitet und auf Hochglanz poliert. Mit einem kräftigen Stück Vogelaugenahorn ist die durchbrochene Kopfplatte vorn und hinten furniert und mit den wirklich bemerkenswerten "Freewheel"-Mechaniken bestückt. Diese gegen Aufpreis erhältlichen (offenen) Stimmflügel laufen wie Butter, arbeiten wunderbar genau und sind mit ihren geschwärzten Perlmuttknöpfen auch optisch ein Gedicht. Augenfällig ist ebenfalls der Steg aus Ahorn, der dem Instrument ein lichtes (blasses?) Äußeres verschafft, denn dort erwarten wir ja immer Palisander oder Ebenholz. Lediglich die Pins sind aus dem erwarteten Material gemacht und verfügen über Augen aus Perlmutt. Sattel und Stegeinlage sind präzise abgestimmt und bearbeitet, und ein perfekt aufgetragener dünner Hochglanzlack laeßt die Gitarre rundum strahlen. Alle technischen Arbeiten sind mithin bis ins Detail ohne Fehl und Tadel auf höchstem Niveau ausgeführt. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil in der Zusammenarbeit zwischen dem Musiker und einem Instrumentenbauer vor Ort liegt zum einen in den guten Servicebedingungen und zum anderen in der Möglichkeit, sich ein auf die persönlichen Vorstellungen und Bedürfnisse zugeschnittenes Instrument bauen zu lassen. Bezogen auf den Basispreis der S 5 von 6.400,-- DM (ohne Griffbretteinlage und Freewheel-Mechaniken) sind folgende Ausführungen ohne Aufpreis frei wählbar: Mensur bei einem Modell mit kleinerem Body: 63-65 cm, beim großen 64-66 cm; Halsbreite und Profil, Korpushölzer: Vogelaugen- oder geflammter Ahorn, Koa oder Riopalisander; Deckenholz: europäische Fichte, Sitkafichte oder Engelmannfichte. Albert & Müller garantieren für alle zur Wahl stehenden Materialien bestmögliche Qualität.

Klang- und Spieleigenschaften

Die relative Groeße der S 5 wird durch die tiefgeschnittene Taille des Instrumentes so weit relativiert, daß sie angenehm am Körper liegt, und der flache, elegant geschnittene, dabei mit 46 mm eher breite Hals laeßt guten Raum fuer die Fingerpositionierung. Ob Fingerstyle oder Flatpicking, die Gitarre verarbeitet die verschiedenen Stilistiken ohne Probleme. Das Grundtimbre der S 5 ist von hoher Transparenz und Klarheit geprägt. Die enormen Bässe kommen fein schwingend, mit strammer Kontur und beachtlichem Sustain, das im Abklang mit subtil glänzenden Obertoenen aufwartet. Der Diskant weist einen definierten, klar gezeichneten Ton auf, der schnell eingeschwingt und Kraft und Substanz für ausdrucksstarkes Melodiespiel besitzt. Ob Akkord- oder Linienspiel: Die dem Ahorn zuzuschreibende Straffheit sowie federnde Schnelligkeit und Präzision in der Tonentwicklung lassen perlende, klar definierte Klangbilder in allen Lagen entstehen. Wie aus einem Guß stehen denn auch im Rhythmusspiel die Diskantsaiten im Raum, wobei ein perkussiver Anschlagskick den lang ausschwingenden Saiten eine erfreuliche Lebendigkeit verleiht. Sehr schoen zeigt sich das Instrument auch bei getragenem Spiel, da das gleichmaeßige Sustain harmonische Strukturen optimal herausstellt und die Artikulation und Modulation des Tones stützt. Die flach gehaltene Saitenlage und der bei guter Breite und leichten Radius sehr griffige Hals lassen ohnehin ungebremste Spielfreude aufkommen. Lediglich beim Spiel mit dem Plektrum gelingt es bei kräftigem Anschlag, ein leichtes Ansetzen der G-Saite im oberen Halsbereich auf die Bünde zu erzeugen.

Fazit

Albert & Müller weisen überzeugend nach, daß es für deutsche Gitarrenbauer durchaus moeglich ist, auf internationalem Parkett eine standfeste Position zu beziehen. Die S 5 ist ein mit hoher Kunstfertigkeit auf der Grundlage bester Materialien gebautes, eingenständiges Instrument. Das Grundtimbre der Gitarre ist geprägt von straffer tonaler Kontur und erfreulicher Tragfähigkeit. Unterschiedliche Spielweisen steckt sie locker weg und glänzt in allen Bereichen mit ausdrucksstarkem Ton und guten Sustain. Die vielfaeltigen Möglichkeiten, sich aus dem Optionskatalog ohne Aufpreis ein Instrument auf den Leib schneidern zu lassen, sind als ein zusätzlicher Bonus zu verbuchen. "Haute Couture" hat selbstredend ihren Preis, aber A&M haben nicht zuletzt mit der im vergangenen Jahr  errungenen Auszeichnung fuer die S1 (ca. 2.300,-- DM) nachgewiesen, daß sich auf für den kleineren Geldbeutel Besonderes bieten  und auch diese Gitarre ist eben nicht von der Stange. Hut ab, meine Herren aus dem Taunus!

 

von Franz Holtmann für AKUSTIK GITARRE