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Sozusagen "amtlich": Der Bundesminister für Wirtschaft verleiht den "Deutschen Musikinstrumentenpreis 1996" für eine Steelstring-Gitarre!
Die kleine Gitarrenbauerfirma Albert & Müller aus Aarbergen nahm an der diesjährigen Ausschreibung mit ihrem Modell S-1 teil- und wurde Sieger nach Punkten. Selbstverständlich interessierte uns, was die Jury des Deutschen Instrumentenpreises zu dieser Entscheidung bewogen hat (das Instrument wurde einer technisch-physikalischen Prüfung unterzogen, anschließend von namhaften Musikern zunaechst im abgedunkelten Raum gespielt und bewertet, und zuletzt durch einen Sachverständigen auf handwerkliche Verarbeitung geprüft), und so orderten wir die von höchster Stelle "Ausgezeichnete" Steelstring für einen Testlauf in AKUSTIK GITARRE. Ganz bewußt schickten Albert & Müller nicht eine Luxusgitarre, sondern ein eher günstiges Modell ihres Sortiments ins Rennen nach eigenen Angaben auch nicht ein speziell zu diesem Zweck hergestelltes Instrument, sondern eine aus einer Kleinserie (Auflage: sieben Stück) stammende Normalausführung der S-1. Genau diese Gitarre liegt uns nun vor.
Konzeption
Die S-1 entspricht in ihrer Form einer leicht vergrößerten Konzertgitarre. Die beiden Bodenhälften und die Zargen sind aus massivem, schoen gezeichnetem Riegelahorn gefertigt, fuer die Decke wurde (ebenfalls massive) Sitkafichte verwendet. Traditionelle Westerngitarren-Zutaten finden sich auch beim Hals wieder: Dieser ist aus Hondurasmahagoni und trägt ein aufgeleimtes Griffbrett aus Ebenholz. Laut Albert & Müller werden die Hölzer mindestens sechs Jahre in der Firma gelagert und getrocknet. A&M typisch wurde das Griffbrettende um einen geschwungenen Ansatz erweitert, der in das Schalloch hineinragt. Einundeinhalber Bund mehr sind der Zugewinn dieser Konstruktion.
Einige wenige geschmackvoll angelegte Verzierungslemente prägen das optische Erscheinungsbild: Die Korpuseinfassungen (Bindings) an der Ober- und Unterkante sind aus Mahagoni, zudem gibt es als Deckeneinfassung und zur Schallochverzierung eine schöne Herringbone-Einlage im Martin-D-28-Stil, die aber wiederum aus kleinen Holzspan-Einheiten und nicht aus Kunststoff hergestellt ist. Der natürliche Charakter der S-1 wird überdies mit dem dünn aufgetragenen, seidenmatten Nitrolack verstärkt, der den holzigen Gesamteindruck betont. Auffällig ist der betont breite, zu einem runden D geformte Hals, dessen Maße fast denen einer Konzertgitarre entsprechen auf Wunsch sind allerdings Profil und Breite des Halses, sowie Saitenabstand (E6-e1) vom Kunden frei wählbar, und zwar ohne Aufpreis. Ebenso verhält es sich mit der Mensur (vereinfacht: die Saitenlaenge), die in diesem Fall mit 65 cm vorgegeben ebenso in 64er oder 66er Ausführung verlangt werden darf, zudem mit einem Ebenholz-Gurtpin, der bei unserem Testmodell nicht angebracht war. Kostenpflichtig sind hingegen weitere Optionen: Eine Lefthand S-1 bedeutet 150,-- DM Aufpreis, und eine Erweiterung auf zwölf Saiten schlaegt mit 240,-- DM zu Buche. Eine sinnvolle Option (30,-- DM) ist meines Erachtens die Anbringung eines Schlagschutzes, dieser wird von A & M in einer transparenten Version angeboten. Die Verarbeitung der S-1 ist im übrigen als gut zu bezeichnen. Sehr akkurat gearbeitet und kunstvoll verziert, fallen lediglich minimale unregelmäßige Leimspuren an den Hals-Korpus-Übergangsnahten auf. Ebenso ist eine deutliche (helle) Naht an der Stelle zu erkennen, an der der zweigeteilte Schwalbenschwanz (die Korpusverbindung) zusammengefügt ist. Diese Details habe ich bei Instrumenten gleicher Preisklasse bereits schöner ausgeführt gesehen wobei es sich hier wohlgemerkt lediglich um optische Mängel handelt. Alle anderen Arbeiten sind, soweit ersichtlich, mit äußerster Präzision ausgeführt.
Handlung und Sound
Die S-1 ist tatsächlich eine besondere, vielleicht sogar eine spezielle Gitarre. Beim ersten Anspielen ist es das breite Griffbrett, welches für das erste Aha-Erlebnis sorgt. Tatsächlich wird ein besonders ermüdungsfreies Spiel gerade bei komplizierteren Fingerstyle- oder Konzertgitarren-Techniken möglich. Der verbreiterte Saitenabstand sorgt seinerseits für sauberes Greifen (für Menschen mit dickeren Fingern interessant), da ungewollt abgedämpfte Töne reduziert werden. Ein wenig Gewöhnung bedarf es bei diesen Maßen jedoch schon. Wer beispielsweise gerne zusätzlich mit dem Daumen die Baßsaiten bedient, muß dabei schon recht lange Finger machen. Derjenige, der eine klassische Handhaltung bevorzugt, wird sich allerdings auf diesem Griffbrett sofort zu Hause fühlen. Die Form und Größe sowie das Gewicht des Bodys unterstreichen diese Möglichkeit des bequemen Spiels. Einerseits besitzt dieser leicht gebaute Korpus die nötige Größe fuer ein hohes Klangvolumen, andererseits ist er nicht so sperrig wie der einer dickbauchigen Jumbo. Das Erstaunlichste an der S-1 ist jedoch das immense Baßvolumen, daß sich wie eine Wolke ausnimmt, die sich um den Gitarristen ausbreitet. Auch die Höhen sind in reichlicher Form vorhanden (ein Ergebnis der leichten Bauweise) und eine präzise, direkte Ansprache erfolgt nach dem Anschlag. Etwas weniger ausgeprägt sind die Mitten, ein Klangideal, was sich bereits bei verschiedenen Lowden-Gitarren ausmachen konnte. Vereinfacht gesagt. die S-1 besitzt einen großen Ton wie die Klassiker gerne eine rund und voll klingende Konzertgitarre beschreiben. Und sie verfügt außerdem ueber ein ungewöhnlich lange anhaltendes Sustain. Ob sich dieses Klangverhalten fuer jeden Spielstil eignet und jedem persönlichen Geschmack entgegenkommt, ist selbstverständlich eine ganz andere Sache. Ich für meinen Teil könnte mir vorstellen, daß ein Picking- oder Ragtimemusiker (mit strengen Wechselbaßvorlieben) mit derartig runden Baessen eher Schwierigkeiten bekommen könnte, während Plektumgitarristen, Singer, Songwriter oder auch New-Age- und Konzertgitarristen möglicherweise ihre helle Freude an diesem großvolumigen Klangverhalten haben dürften. Dies sind aber nur sehr grobe Einordnungen, mit denen kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhoben werden soll. Zweifelsohne bietet die Albert & Müller S-1 eine ganze Menge Persönlichkeit für vergleichsweise wenig Geld, bedenkt man, daß es sich um eine handgearbeitete Gitarre handelt, an der wichtige Details außerdem vom Kunden frei zu bestimmen sind.
Fazit
Gratulation auch von AKUSTIK GITARRE. Die S-1 ist ein "Meisterinstrument" zwar nicht zu einem "Anfäengerpreis", aber doch zu einem Preis, der eine solche handwerkliche Leistung zunächst nicht vermuten läßt. Aufgrund der speziellen Eigenschaften bezüglich Klang und Bedienung sollte der Musiker bereits auf einer Such nach einer Gitarre mit den beschriebenen Attributen gewesen sein., läßt er sich ein solches Instrument fertigen. Ist es denn das, was ihm als Ideal vorschwebt, dürfte er bestens bedient sein.
von Gregor Hildes für AKUSTIK GITARRE
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